Kann man als Food Blogger noch gut essen gehen?

Diese Frage stellte ich mir neulich nach einem 4-Gänge-Menü in einem der besseren Hotels am Rhein – dem Le Chopin im Bellevue in Boppard. Wir waren in der Gegend wandern und ich wollte mal wieder etwas aufwändiger essen gehen. Nun kann man argumentieren, dass ein Kettenhotel wahrscheinlich nicht die ideale Lokation für ein perfektes Dinner ist, aber ich hatte vorab zur Auswahl nur begrenzt Zeit und die Menus lasen sich erstmal gut:

Menu 1 für S.

Menu 2 für mich.

Menu 2 für mich

Zum Essen folgten wir der Weinempfehlung des Hotels. Ich musste noch fahren und konnte daher nicht so wie ich wollte 😉
Wir hatten je 0,1 l

Vorspeise: Weißburgunder Spätlese trocken, Weingut W. Perll
Hauptgang: Riesling Spätlese „DEVON-S“ trocken, Weingut Toni Jost
Dessert: Riesling Spätlese lieblich, Goldene Kammerpreismünze, Weingut A. Perll

Die Abfolge in Bildern:

Zuerst ein Miniflammkuchen als „Vorabgruß“
Mini-Flammkuchen

Dann folgte der „Gruß aus der Küche“, ein Pastinaken-Cappuccino mit Gänseleber-Erdbeer-Waffel. Letztere war interessant, die Leber sehr subtil hinter dem Erdbeeraroma. Pastinakensuppe war belanglos und schmeckte eher nach Spargelfond. Etwas bemüht das Ganze.
Pastinaken-Cappuccino mit Gändeleber-Erdbeer-Waffel

Salat Menu 2: finden Sie die 10 Fehler auf diesem Bild. Tipp: 70er-Massivglas-Teller, Arrangement des Salats, Präsentation des Fischs,… Der Fisch war geschmacklich ok, aber der Salat – nun, schweigen wir.
Frühlingssalat mit gebratenem Saibling

Der von S. aus Solidarität zusätzlich georderte einzelne Salat konnte da schon deutlich mehr, allerdings dasselbe seltsame Dressing:
Salat extra

Zweiter Gang Menu 1: Eigelbravioli auf Blattspinat mit Trüffel (Anmerkung 1, für Kölner: nein, es heißt nicht „Eigel-Bravioli“. Anmerkung 2: Raviolo wäre korrekt, da es einer ist). Nette Idee, das Eigelb allerdings zu lange gekocht, es ist fast hart. Der Trüffel ist trotz Bekenntnis in der Speisekarte zu frischen Produkten eine Konserve und schmeckt nach nichts. Stattdessen gibt es die neuerdings so modernen Chilifäden – grausliges Zeugs.
Eigelbraviolo

Zweiter Gang Menu 2: Cremesüppchen vom Bärlauch. Ok, nicht originell oder irgendwie besonders, aber ok.
Bärlauchcremesüppchen

Hauptgang Menu 1: Chartreuse vom Stangenspargel mit Sauerampferpesto und neuen Kartoffeln. In Ordnung, S. war’s zufrieden. Die Chartreuse-Füllung: Kartoffelpüree mit Spargelstückchen, das Pesto fein. Etwas seltsam die überbordende Saucen-Deko.
Spargelchartreuse

Hauptgang Menu 2: Wolfsbarschfilet mit Morchel-Gemüse-Risotto. Der Fisch war gut gebraten, noch glasig und mit knuspriger Haut, und kam mit guter Temperatur an den Tisch. Das Risotto haptisch ok, nur die Morcheln waren nicht zu bemerken. Wahrscheinlich auch hier keine frischen Pilze, zudem nur sehr gelegentlich ein Stückchen davon anzutreffen. Auch hier der seltsame Drang zur überbordenden Sauce.
Wolfsbarsch mit Risotto

Dessert Menu 1: Rhabarber-Himbeer-Ingwer-Frühlingsrolle mit Riesling-Carameleis. Die Frühlingsrolle war gut. Rhabarber in sehr kleinen Stücken nur sehr kurz angedünstet, gab dem Gericht eine knackige Note. Ingwer roh, gut. Ungefragt große Bananenstücke dabei, die störten.
Süße Frühlingsrolle

Dessert Menu 2: Erdbeer-Basilikumgelee mit heißem Limetten-Espuma und Minzsorbet. Das Sorbet war gut, in einem ausgehöhlten rosa Eisstück serviert, das nach nichts schmeckte und nach dem Essen eine rosa Pfütze bildete. Erdbeer-Basilikum als nette Idee ein bisschen zu langweilig umgesetzt – Eine Basilkuminfusion als Geleebasis wäre besser gewesen. Von dem heißen Espuma hab ich nichts bemerkt, erst jetzt identifiziere ich es auf dem Foto – es war wohl auf dem Sorbet. Ich hatte das für eine der allgegenwärtigen nach nichts schmeckenden Milchschauminseln gehalten, die man zu optischen Zwecken verteilt. Etwas unmotiviert 2 Orangenfilets dazu.
Erdbeer-Basilikum-Gelee mit Minzsorbet

Pralinen – Petit Fours – Feingebäck. Ja, es gab Pralinen. Ein Marzipanstück, ein Pistazien-Marzipanstück und ein Erdnussnougat. Letzteres problematisch bei Allergikern, es gab keinen Hinweis auf die Erdnuss. Und zwei Marzipanstücke – muss nicht sein. Gebäck gab es keins.
Pralinen zum Nachtisch
Abschließend nahmen wir noch einen Espresso, der eher zu einem Holiday Inn-Frühstücksbüffet gepasst hätte – leblos-dünn. Abschließend ließ die Betreuung nach dem Essen merklich nach, es dauerte geraume Zeit, bis wir zahlen konnten.
Der Gesamtpreis war 122 EUR incl. Trinkgeld.

Bellevue Boppard kurz nach zehn

War es nun ein misslungener Abend? Jein. Das Essen hat meine Erwartungen nicht erfüllt, aber richtig schlecht war es nicht.

Um die Frage vom Anfang zu beantworten – es wird schwierig mit zunehmender Foodblogerfahrung. Nicht nur bemüht man sich in seinen eigenen Gerichten immer etwas Besonderes herzustellen (meist mit relativ „normalen“ Zutaten), auch präsentiert man das Essen ganz anders als zu der Zeit, wo noch nicht die Welt auf den Teller schaute. Und wenn man sich schon die Arbeit macht, nutzt man auch frische / regionale Zutaten und lässt Pannen wie eingelegte Trüffel außen vor. Da muss ein Restaurant der oberen Mittelklasse schon strampeln, bis es mithalten kann. Kein Zweifel, es gibt viele Köche, die bei weitem professioneller und ausgefeilter kochen als man das als Amateur je erreichen wird. Aber die finden sich dann meist schon im Sternebereich und liegen finanziell außer zu besonderen Anlässen meist außer Reichweite.

Für mich gibt es daher künftig folgende Präferenz: Essen gehen ja, aber dann lieber in einfache Restaurants, die authentisch und sorgfältig mit einfachen Zutaten frische / regionale Küche produzieren. Wenn es etwas Besonderes sein soll, lade ich ein paar Food Blogger zum gemeinsamen Kochen ein, da haben wir ein schöneres Essen zu besseren Preisen mit mehr Spaß 😉

19 Antworten auf „Kann man als Food Blogger noch gut essen gehen?“

  1. Rheinsteig-Mittelrhein-Boppard = Touri-Abzocke. Ich verlass mich auf unbekanntem Terrain auf die Erfahrung der Blogger-Kollegen. Gerade geschehen im Trific in HH.

  2. Geschirr, Spitzendeckerl und Dekor – na ja. Das Essen sieht überwiegend auch sehr bemüht aus. ich habe es schon lange aufgegeben, in „gehobene“ Restaurants zu gehen, denn das Gebotene ist meist nicht authentisch. Lieber Alltags einfache und ehrliche Küche und, wenn es das Konto erlaubt, mal zu richtig tollen Sterneköchen und was essen, das man selbst nie und nimmer auf den Tisch bringen könnte.

  3. Irgendwie kommt mir das alles sehr bekannt vor. Diese Art zu kochen erlebt man merkwürdigerweise öfter. Und dann zerreißt es einem das Herz, denn man sieht den Aufwand, der da betrieben wurde, man sieht die eingesetzten Waren, um die es irgend wie schade ist und man zahlt am Ende den Preis, der völlig überzogen ist. Furchtbar viel ünnötiges Chichi und sinnloser Zauber.

    Gerade habe ich bei Claus/Nur das gute Zeugs den Bericht über das Trific gelesen. Dort ist alles ganz einfach und geradeaus, aber offenbar von bester Qualität. In so ein Restaurant würde ich auch gerne gehen!

  4. Nach meinen Erfahrungen gibt es in jeder Kategorie gute Restaurants und wie in vielen Bereichen gilt, Sein von Schein zu unterscheiden. Ein Dressing wird nicht besser, wenn der dazu gehörende Salat von einer essbaren Blume gekrönt wird. Man muss sich nur in der Summe des Angebots das richtige Gasthaus heraus picken.

  5. War die „Frühlingsrolle“ wirklich so aufgebrochen serviert?

    Zu Deiner Frage: nein. Weil man das gegessene immer am eigenen Können, Wissen und Werken mißt. Das geht mir allerdings schon weitaus länger so, als ich blogge.
    Und dabei kann ich selbst ja nicht mal gescheit kochen.

  6. Auch in den Sterneläden wird man enttäuscht, wir waren vor kurzem bei Gagnaire, ich kann nicht sagen, dass mich das umgehauen hat, zuviel Chichi und Taratata,und ich erinnere mich jetzt schon nicht mehr ans Essen.
    Mit der Bloggerei hat das bei mir nichts zu tun, eher damit, dass man sich in den Jahren das Kochen irgendwie „beibringt“ und dann halt kritischer wird, war ich aber schon vor der Bloggerei.

  7. Mir geht es genauso. Ob das am Bloggen liegt oder daran, dass man sehr gerne kocht und isst, kann ich jetzt gar nicht sagen.

    Aber mir ist auch eine einfache Dorfgaststätte, in der die Oma die Kartoffelklöße macht, lieber als dieses Pseudo-Tamtam-Zeugs. Wenn, dann richtig gut.

    Sterneküche hat mich auch schon enttäuscht, mal gut, mal – naja…

  8. Das Problem scheinen mir die Lokale der mittleren Kategorie. Für das, was sie bieten, überteuert. Besser einmal im Jahr in ein Top-Lokal, als zehnmal im Jahr in eines der Mittelklasse.

  9. @Claus – ja, ich hätte es wissen müssen. Es war eine Such-Dir-einen-Laden-in-der-Mittagspause-Aktion, das kann nicht gutgehen

    @FDGG – vielleicht war es ja sogar „authentisch“ – die kochen immer so 🙂

    @Eline – ja! Nur findet man die vielen Alltagsrestaurants, die es sicher gibt, nicht immer gleich…

    @nata – warum machen die das? Wer will das haben? Als Hotelcontroller würde ich sagen – weg mit dem Firlefanz!

    @Susa – Für trial & error gibt es leider zu viele Restaurants. Und es gibt nicht unbedingt eine Referenz für gute Restaurants im Web.

    @Hesting – ja, alle Gerichte hab ich gleich nach dem Servieren fotografiert.

    @Bolliskitchen – ich hab auch schon immer gerne gekocht, aber die letzten 18 Monate haben mir durch das Bloggen schon nochmal einen Schub gegeben 😉

    @Barbara – ja, wahrscheinlich muss man wirklich durch Probieren die Restaurants mit der passenden Wellenlänge finden – da nützt kein Guide 🙁

    @Robert – ja, nur was mach ich im Kurzurlaub, wo ich nicht in der Ferienwohnung kochen kann?

  10. Mir ging es auch schon vor meinem Foodblog so, dass mich Restaurantbesuche in den seltensten Fällen zufrieden gestellt haben. Ich komme aus einer Familie, in der schon immer viel Wert auf gutes, selbstgekochtes Essen gelegt wurde. Diese Ansprüche wurden natürlich auch beim Essengehen angewandt.

    Bedingt durch mein Studentenbudget lasse ich das Essengehen mittlerweile meist gleich sein. Bei den Gelegenheiten, wo es sich (Exkursion, Zeitdruck etc.) nicht vermeiden lässt, greife ich lieber zu „ehrlichem“ fast food (oder was ich dafür halte), also Salat und Falafel beim Türken o.ä. oder kaufe mir ein Brot und einen Käse dazu. Das ist meistens befriedigender, als ein mittelprächtiges und überteuertes Restaurant.

    Was ich immer schade finde, ist wenn die Küche sich mit Convenience-Produkten, die vielleicht 1-2 Handgriffe ersparen, die Arbeit erleichtern wollen und stattdessen den Teller mit nutzlosem Krimskrams überhäufen. Es darf gerne einfach, schlicht und regional sein, mit einer übersichtlichen Karte, wenn die Soße keine Haut hat und nicht nach „fix“ schmeckt.

    Meine beste Erinnerung an einen Restaurantbesuch überhaupt ist an „Le Mascaret“, irgendwo in der Normandie, vor 15 Jahren. Da hat von vorne bis hinten alles gepasst. Ich träume heute noch gelegentlich von dem Käsewagen. Die Preise habe ich verdrängt.

      1. Das Konzept musst du mir näher erklären. „Mitmach-„XY klingt in meinen Ohren immer zuerst gewollt pädagogisch. 😉 Die Leute schnibbeln ihre Zwiebeln selber? Oder wie? 😉

        Ich kümmer mich dann um den Käsewagen.

  11. Dieser Wunsch nach einfacher guter Küche, der hier durch die Kommentare weht, kann ja auch nicht überall erfüllt werden. Das ist in manchen Regionen schlicht unmöglich. Leider.

  12. @Evi – ja der Name erinnert an die Rappelkiste. Kennst Du die noch oder bist Du zu jung? SEHR pädagogisch, aus den endenden 70ern.

    Ich meiner eher… FOODING AROUND. (Geht es Euch auch immer so, dass Ihr *geniale* Begriffe erfindet und dann im Internet feststellt, dass Ihr 10 Jahre zu spät seid? 🙁 ) Also nicht so sehr „endlich mal gut essen gehen“ (und damit konsumieren), sondern selber in den Produktionsprozess eingreifen und so für Qualität sorgen. So wie wir es kürzlich in HH hatten. Sehr lecker, sehr entspannt, eigentlich sehr einfach, aber mit einer Bereitschaft, mit Lebensmitteln kompetent und respektvoll umzugehen – der Rest kommt von selber.

    Käsewagen gehört dazu und ist ein prima Beispiel – will nicht wissen, wieviel Zeit der maitre d’fromage jeden Tag damit zubringt, seine Lieblinge zu pflegen 😉

    @nata – lass uns was dagegen tun, im obigen Sinne 🙂

    @Schnick Schnack Schnuck Ja! Wo? @Alle: Bitte Anmeldung an diesen Post!

    @Isi: Schnittlauch ist ja noch das kleinste Übel 😉

  13. Die Rappelkiste hab ich knapp verpasst, zumindest war ich bei deren letzten Ausstrahlungen noch nicht im rezeptionsfähigen Alter. 😉 Meine sonntägliche Dosis Medien bestand aus der Sendung mit der Maus oder einem kurzen, frustrierten Blick auf den Presseclub, wenn’s schon zu spät war bis ich an den TV kam.

    Ich kann mir die praktische Umsetzung immer noch nicht vorstellen. Eine regelmäßige Kochgruppe ist, denke ich, aufgrund der Distanz einfach nicht zu bewältigen. Für die Hamburger ist ihre Häufung prima da oben, ich kann mich maximal mit Noémi hinsetzen und regelmäßig Schnitzel für die Männer braten. 😉

    1. Evi, wo wohnst Du? Würzburg oder in der Gegend?
      Ich bin auch nicht Hamburger, sondern Münsteraner, Für so ein Event fahr ich auch mal 2 Stunden. und da hast Du die ganzen Hessen in Reichweite – Claus, Jutta, Arthurs Tochter, Alissa,…

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